Das tapfere Schneiderlein

«Der Chef ist heute nicht da. Was kann ich für Dich tun?», fragt der Angestellte in der «Fachwerkstatt Michael» als ich zur Tür hereinkomme. Den Tipp habe ich von einer Arbeitskollegin erhalten. Ohne wäre ich wohl mehr als aufgeschmissen gewesen, denn an diesem sonnigen Donnerstagnachmittag musste ich ein Paar Hosen kürzen lassen. Im Innern des Ateliers laufen die Nähmaschinen auf Hochtouren. Berge von Kleidungstücken überall, fein gestapelt, von einfachen Jeans, noblen Kostümen bis zu schicken Kleidern. Das Atelier gleicht einem Bienenstock. Das Arbeitsleben pulsiert. Meinen Namen schreibe ich noch auf einen Zettel und meine Hose verschwindet, nachdem der Angestellte die Länge abgesteckt hat, sofort auf einem Stapel neben Dutzenden anderen Kleidungstücken. «Die kannst du morgen wieder um 18 Uhr abholen», meint der Angestellte, ohne mir eine Quittung auszuhändigen oder eine Telefonnummer von mir zu notieren. Leicht skeptisch verlasse ich den Laden. Innerlich hadere ich mit meiner Entscheidung und schreibe die schöne neue Hose in meinem Geiste schon mal vorsorglich ab. 

Am nächsten Tag, pünktlich um 18 Uhr, betrete ich den schmalen blauen Laden in der Amerlingstrasse im 6. Wiener Gemeindebezirk. Er liegt ganz diskret nur wenige Schritte von der belebten Mariahilfer Strasse entfernt. Auch um die späte Stunde sind immer noch eine handvoll Beschäftigte tapfer und fleissig am Schneidern und Nähen. Plötzlich steht Mihail an der Ladentheke und ruft einem seiner Mitarbeiter zu: «Bring uns Gläser!» Sichtlich gut gelaunt, schenkt Mihail der wartenden Kundschaft ein Glas zwölfjährigen Chivas Regal ein. Ablehnung duldet der Chef nicht. Offensichtlich gehört es zur Kultur, denke ich mir. Nach dem zweiten Glas heitert sich die Stimmung auf. Alle trinken und lachen, auch die junge und schicke Businessfrau, die ihr Abendkleid abholen kommt. Auch ich schaffe es, im mittlerweile überfüllten Empfangsraum des Ateliers Mihail nach meiner Hose zu fragen. Und Wunder geschehen: ohne Hilfe eines modernen elektronischen Geräts, findet Mihail in wenigen Sekunden meine Hose. Dazu schenkt er mir ein weiteres Glas Whisky ein und ich probiere die Hose in einer kleinen Umziehkabine an. Die Hose sitzt perfekt, der Whisky zeigt seine Wirkung, und ich verabschiede mich leicht beschwipst aus der Fachwerkstatt.

Draussen angekommen gehe ich im Abendlicht in der Fussgängerzone Richtung Museumsquartier. In Gedanken noch ganz mit diesem Erlebnis verbunden, denke ich mir: «Wahrscheinlich ist Mihail der beste Schneider Wiens. Ein magischer Ort, wo Kompetenz und Liebe zum Handwerk perfekt zusammentreffen». Ja, es gibt sie noch auf dieser Welt: die tapferen Schneiderleins. Zumindest in Wien.

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