“Hatsukoi no kaori” – Scent of First Love

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Ich befinde mich in Shibuya in der Präfektur Tokio, auf der japanischen Hauptinsel Honshū. Genauer gesagt an der weltberühmten Shibuya Kreuzung, die pro Tag rund ein Million (!) Menschen von allen Himmelsrichtungen überqueren. Unzählige Bürogebäude, sowie eine der meist frequentierten Bahnhöfe Tokio’s befinden sich hier. Die neun Millionen Menschen Metropole fasziniert und überwältigt mich zur gleichen Zeit: Ich sehe Wolkenkratzer, Werbereklamen, Leuchtzeichen, Neonfarben, Lichter, Autos und Menschen, unfassbar viele Menschen, die in fast schon geordneter Form diese riesige Kreuzung überqueren. Ich weiss gar nicht wo ich zuerst hinschauen soll, noch nie habe ich so viele Menschen auf einmal gesehen. Ich versuche die unzähligen Eindrücke, die in diesem Moment auf mich einwirken zu verarbeiten, doch es gelingt mir nicht. Zu lange habe ich schon nicht geschlafen und der Jetlag ist heute besonders fies. Zudem habe ich Hunger.

Aus dem Augenwinkel sehe ich einen kleinen Laden, der Früchte anbietet. Teils mir bekannte, teils mir unbekannte Früchte. Allesamt museumsartig drapiert, in Schaumstofffolie eingewickelt und in offenen Holzboxen präsentiert. Sie sehen makellos aus, fast schon zu perfekt um ‚echte‘ Früchte zu sein. Ich laufe auf ein Regal zu im dem sich Erdbeeren befinden. „Aber warum sind die denn weiss mit roten Punkten?“, denke ich laut. „Die sehen unreif aus.“ Ich versuche der Sache auf den Grund zu gehen. Leider können die Verkäuferinnen nicht auf meine englischen Fragen eingehen. Ich werde extrem neugierig. Auf dem Preisschild steht ¥1080 für eine Erdbeere. Für einen Moment schlucke ich aufgrund des Preises, wodurch meine Neugier wächst. Meine Schlussfolgerung ergibt, dass sie nicht unreif sein können. Ich befinde mich im Jetlag-Delirium, bin nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich nehme eine einzelne Erdbeere, die pralinenartig verpackt ist und gehe zur Kasse. Ein Gefühl für japanische Yen habe ich nach 8 Stunden in Tokio ohnehin noch nicht. Mein Währungsrechner am Handy bewahrt mich davor, aus Versehen eine oder zwei Komma-Stellen nach vorne zu rutschen und die eigentlich teuren Erdbeeren als wahres Schnäppchen zu betrachten und gleich eine ganze Kiste zu kaufen. Einen Dank an die moderne Technik von heute. Ansonsten wäre ich jetzt wahrscheinlich pleite.

Zurück zur weissen Erdbeere: nach langem Begutachten und zigfachem Fotografieren beisse ich zaghaft in die Erdbeere. Innen ist sie ebenfalls weiss. Sie schmeckt sehr süss und reichhaltig. Ein völlig neues Geschmackserlebnis, denn so etwas habe ich noch nie zuvor gegessen. Ich esse die Erdbeere ganz langsam, Bissen für Bissen und versuche zu verdrängen, dass ich gerade 8 Franken für eine einzelne Erdbeere ausgegeben habe. Was soll’s, immerhin bin ich nicht jeden Tag in Japan.

Meine Internetrecherche hat später ergeben, dass diese Erdbeeren in Japan eigens gezüchtet und kreiert werden. Ihr Name heisst übersetzt ‚Duft der ersten Liebe‘ und sie werden nur zu besonderen Anlässen gegessen.

Carola W. hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. So reist sie seit mehr als vier Jahren als Flight Attendant in der ganzen Welt herum. Seit 2014 betreibt sie den Instagram Account @flywithcarola.

In der Rubrik „Carte blanche“ kommen regelmässig Gastautoren zu Wort. Mit kurzen Geschichten und bunten Bildern ergänzen sie in perfekter Weise meinen Blog.

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