Hong Kong – Luxus und Bescheidenheit

Happy-Hour – Zeit für den wohlverdienten Drink nach Feierabend. Aufgeladene Stimmung an der feinen Adresse. Die Menschen strömen in die umliegenden Lokale und es herrscht Trubel rund um einen falsch geparkten Ferrari im Hongkonger Viertel Lang Kwai Fong. Die Passanten, die gestylten Schönheiten in Louboutin-Absätzen, die Touristen, der Businessman, die Prostituierten und die Taxifahrer mit ihren rotweissen Toyota-Taxis, alle wollen ein Selfie mit dem Sportauto.
Ich sitze auf einer kleinen Terrasse und schaue dem Treiben zu. Eines fällt auf: Der Eigentümer des roten Flitzers, der in charmanter Begleitung in einer schicken Bar sitzt, beobachtet den Rummel ebenso aus sicherer Distanz wie ich. Er geniesst den Moment sichtlich. Es bestehen keine Zweifel, dass ihm das Aufsehen um seinen Wagen einen grossen Adrenalinstoss gibt. Balsam für sein Ego. Ein spannendes Stück Theater – und das direkt vor meinen Augen. Macht dieses grosse Aufsehen um den Ferrari den Besitzer wirklich glücklich?, frage ich mich. Offenbar schon, wenn ich die leuchtenden Augen des Besitzers beobachte. Wie ein britischer Gentleman geniesst er die Hysterie rund um seinen Wagen. Luxuskarossen bringen Menschenmassen in Wallung. Wohlhabende Menschen suchen bewusst dieses «Psychogame» und so scheint auch der asiatische Besitzer gut begriffen zu haben, wie Menschen zu elektrisieren sind. Wie ein Magnet zieht das Kultfahrzeug alle Mobiltelefone an.
Darüber hinaus, so denke ich, hat der Autobesitzer noch etwas anderes verstanden. Der Luxus ist nicht nur materiell, sondern und vor allem die Beherrschung der Mechanismen, die die Welt leiten und regieren, auch die oberflächlichsten. Man bewegt sich völlig unauffällig und zieht die Fäden im Hintergrund. So kommt mir der Herr mit dem Ferrari vor. Das plötzliche Auftreten der Polizei unterbricht den Theater-Zauber. Der Trubel auf der Strasse löst sich auf. Drei Buchstaben auf dem Kontrollschild sind auch in Hong Kong kein Freibrief. Der Fahrer wird sehr höflich gebeten, den falsch geparkten Wagen wegzustellen. Das Erdenleben mit allen seinen Genüssen und Freuden hat offensichtlich immer ein Ende, auch wenn es für das Falschparken keine Busse von den Polizisten gab.

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