Auf eine Tasse Tee

Sie fiel mir sofort auf. Eine gute Aura, gepflegtes Äusseres und mit einem Schalk im Gesicht, der mich sofort anzog. Die Dame fiel mir nicht nur deshalb auf. Sie hatte offenbar die gleichen Mühen, im Teehaus einen geeigneten Platz zu finden wie ich kurz vorher. Zuerst wollte sie den Platz am Fenster für sich beanspruchen, verwarf den Gedanken wieder und setzte sich weiter weg. Doch auch diese Wahl schien sie nicht restlos zu überzeugen. Ich ertappte mich, wie ich innerlich hoffte, dass sie den Platz neben mir einnehmen würde. Als hätte sie meine Stimme erhört, setzte sie sich an den Tisch neben mir. Immer noch unzufrieden mit der Wahl, bot ich ihr meinen Platz an. Dann verging eine Stunde wie im Flug. Wie schön Gespräche sein können. Sie erwarte jemanden, der ein Buch über ihren Ehemann schreiben würde. Sie wisse selber nicht, um was es eigentlich gehe. Trotzdem schielte sie immer wieder zum Eingang. Deshalb ihre Unruhe und deshalb die Suche nach einem geeigneten Platz. Sie erzählte mir von ihrem verstorbenen Ehemann, der Universitätsprofessor war, verriet mir ihr Alter und sie sprach von ihren drei Kindern, die sie seit ihrem Umzug vom Greifensee nach Zürich wieder öfters sehe. Im Teehaus fühle sich wohl – sie komme in Kontakt mit sehr vielen Menschen. Als ich ging, bedankte sie sich für den Platz und die Begegnung, in dem sie mich zur Tasse Tee einlud.

Der originaltext finden Sie auf den Blog von Paolo D’Avino: http://www.wortsinn.ch/new-blog/2015/2/9/auf-eine-tasse-tee

Paolo D’Avino, geboren in Mailand, studierte Journalismus in Zürich. Seit 2004 arbeitet er als freischaffender Journalist, unter anderem für Reisereportagen für das SWISS Magazine und das Bordmagazin der Fluggesellschaft Helvetic.

In der Rubrik „Carte blanche“ kommen regelmässig Gastautoren zu Wort. Mit kurzen Geschichten und bunten Bildern ergänzen sie in perfekter Weise meinen Blog.

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