Die Puppenfrau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eigentlich stellte ich mich an diesem Morgen auf eine Zugfahrt ein, bei der ich mich bei einem Latte Macchiato endlich verschiedensten Zeitungsartikeln widmen wollte, die sich in letzter Zeit bei mir gestapelt haben. Eine alte Angewohnheit, die sich bei mir hartnäckig hält. Kaum nahm ich im Speisewagen Platz, sprach mich ein Herr an, der sich nach einem freien Platz erkundigte. Er wäre mit der Familie unterwegs: zwei Kleinkinder, ein Neugeborenes und seine Frau. Sie wollten frühstücken. «Na klar!», sagte ich und setze mich an den nächsten Tisch neben eine Dame, mit der ich gleich ins Gespräch kam, weil sie sich erkundigte, ob der Zug auch im Bahnhof Basel halten würde. Wo sie denn hinwolle, fragte ich und sie gab mir zur Antwort, dass sie auf dem Weg sei, eine Puppe abzuholen. Ich schaute sie wohl etwas ungläubig und verunsichert an, und so kramte sie ihr Smartphone aus der Handtasche, zeigte mir einen «Warhol», den sie nun an der Herbstmesse am Petersplatz in Basel abholen ginge.

Auf dem Bild sah alles sehr akkurat aus. Die Haare, die Brille, das Dandyhafte: die Kleider und der Look, alles fein säuberlich ausgewählt. Für die Dame im Zug musste es der junge Warhol sein, nicht der verlebte, etwas in die Jahre gekommener Mann, wie wir ihn von unzähligen Pressebildern kennen. Bald war von der Puppenfrau Marianne Ettlin die Rede, die in ihrem Ateiier Marionetten baut. Die Geschichte liess mich auch nach der Zugfahrt nicht mehr los und Recherchen führten mich zu einem Artikel auf der Website der Coop Zeitung. «Ich recherchiere viel», erklärt Ettlin in der Reportage vom ehemaligen Chefredaktor Matthias Zehnder. «Früher habe ich für jede Figur viele Stunden in der Bibliothek verbracht. Heute ist es himmlisch mit dem Internet. Wenn ich eine Figur mache, muss jedes Detail stimmen.» Die Zugreise verging wie im Fluge. Eine neue Welt hat sich in dieser Stunde für mich aufgetan. Die ungelesenen Zeitungsartikel können warten. www.coopzeitung.ch/1657069

Der originaltext finden Sie auf den Blog von Paolo D’Avino: http://www.wortsinn.ch/new-blog/ 

Paolo D’Avino, geboren in Mailand, studierte Journalismus in Zürich. Seit 2004 arbeitet er als freischaffender Journalist, unter anderem für Reisereportagen für das SWISS Magazine und das Bordmagazin der Fluggesellschaft Helvetic.

In der Rubrik „Carte blanche“ kommen regelmässig Gastautoren zu Wort. Mit kurzen Geschichten und bunten Bildern ergänzen sie in perfekter Weise meinen Blog.

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